Ratgeber · Fahrermangel
Fahrermangel in Speditionen: woher er kommt und was wirklich hilft.
Bis 2027 fehlen in Deutschland rund 185.000 Berufskraftfahrer. Die Zahlen, die Ursachen und was eine Spedition heute selbst tun kann, nachvollziehbar mit Quellen.

Der Fahrermangel ist längst kein reines Personalthema mehr, sondern ein Geschäftsrisiko. Hier sehen Sie die Zahlen dahinter, die eigentlichen Ursachen und was eine Spedition heute selbst tun kann. Mit Quellen, nachvollziehbar gerechnet.
Fahrermangel in Zahlen
Die Lage lässt sich nicht wegdiskutieren. Vier Zahlen zeigen, worum es geht.
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Fehlende Fahrer bis 2027 (Deutschland) | rund 185.000 (heute über 70.000) |
| Fahrerbestand im Güterverkehr (2023) | rund 548.000, schrumpft etwa 2 Prozent pro Jahr |
| Fahrer unter 25 Jahren | nur rund 3 Prozent, der Beruf ist stark überaltert |
| Unbesetzte Stellen in Europa | 2024 rund 426.000, bis 2028 bis zu 745.000 |
Woher der Mangel kommt
Drei Ursachen wirken zusammen.
1. Die Demografie
Der größte Treiber. Ein großer Teil der Fahrer ist 55 Jahre oder älter und geht in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Gleichzeitig entscheiden sich zu wenige junge Menschen für den Beruf, nur rund 3 Prozent der Fahrer sind unter 25. So schrumpft der Bestand strukturell, ganz ohne Konjunktur.
2. Arbeitsbedingungen und Wertschätzung
Belastende Situationen an der Rampe, zu wenige gute Rastplätze, lange Abwesenheit von zu Hause und das Gefühl, nur eine Nummer zu sein. Studien zeigen: Ein erheblicher Teil der Fahrer fühlt sich vom Betrieb kaum eingebunden, und genau das, nicht das Gehalt, ist der häufigste stille Kündigungsgrund.
3. Der Blick nur auf aktiv Suchende und aufs Ausland
Viele Speditionen suchen ausschließlich über Stellenbörsen und kämpfen dort mit allen anderen um dieselbe kleine Gruppe. Wird es eng, setzen sie allein auf Fahrer aus dem Ausland. Der Ausländeranteil im Güterverkehr hat sich seit 2016 fast verdoppelt, von 15,6 auf 30,4 Prozent. Das füllt Lücken, doch auch Osteuropa hat eigenen Fahrermangel, allein in Polen fehlen rund 150.000 Fahrer. Geliehene Kapazität aus einer versiegenden Quelle macht keinen Fuhrpark stabil.
Vom Personalthema zum Geschäftsrisiko
Für 65 Prozent der Speditionen ist der Fahrermangel die größte Herausforderung, am härtesten trifft es kleine Betriebe. Jeder zweite Betrieb kann deshalb nicht mehr wachsen, 39 Prozent verlieren Umsatz. Eine Fahrerstelle bleibt im Bundesschnitt rund 225 Tage offen, nach 90 Tagen ist noch jede dritte unbesetzt. In dieser Zeit stehen Fahrzeuge, bleiben Touren liegen und Überstunden lasten auf dem bestehenden Team. Branchenverbände sehen den Fahrermangel inzwischen als Risiko bis hin zur Betriebsaufgabe.
Fahrer gibt es genug. Man muss sie nur anders finden
Nur etwa 4 Prozent der Fahrer suchen aktiv, um die kämpft der ganze Wettbewerb. Rund ein Viertel ist aber grundsätzlich offen für ein besseres Angebot, ohne sich je zu bewerben. Diese Fahrer tauchen in keinem Stellenportal auf. Sie erreichen sie nur, wenn Sie selbst auf sie zugehen. Genau da liegt der Hebel, den die wenigsten nutzen.
Vier Bereiche entscheiden, ob aus dem Markt auch Einstellungen werden:
- Sichtbarkeit. Nicht im Stellenportal warten, sondern dort auftauchen, wo der passive Fahrer täglich ist, in seinen sozialen Netzwerken.
- Vertrauen. Echte Gesichter, echte Fahrer, ehrliche Einblicke und gute Bewertungen. Fahrer glauben anderen Fahrern mehr als jedem Prospekt.
- Prozess. Schnell zurückrufen, einfach halten, dranbleiben. An jeder Hürde springen sonst Bewerber ab.
- Bindung. Wertschätzung, verlässliche Heimkehr, ein Chef, der zuhört. Wer hält, muss weniger nachbesetzen.
Das Beste daran: Diese Hebel hat auch eine kleine Spedition. Sie müssen nicht der Höchstzahler sein, weiche Faktoren schlagen 50 Euro mehr fast immer.
Woher unsere Zahlen kommen
Transparenz ist uns wichtig. Dieselbe Grundlage steckt auch in unserer regionalen Fahrermarkt-Analyse. Als Schätzung gekennzeichnete Werte sind bewusst konservativ gerechnet.
- Marktgröße und Bestand: Fahrerbestand aus Einwohnerdaten (Wikidata) und amtlicher Berufskraftfahrer-Quote (Bundesagentur für Arbeit, 2020), abgeglichen mit dem Bestand von BALM / Bundesagentur für Arbeit (547.919 Fahrer im Güterverkehr, 2023). Bewusst konservative Schätzung.
- Aktiv, offen, gebunden (rund 4 / 24 / 72 Prozent): aus der forsa / XING-Wechselbereitschaftsstudie (2026): etwa 8 Prozent planen aktiv einen Wechsel, rund 26 Prozent sind latent offen, ohne aktiv zu suchen.
- Live-Marktzahlen je Region: offene Stellen, aktiv Suchende, Vakanzzeiten und neue Stellen aus der Bundesagentur für Arbeit (Jobsuche und Bewerberbörse). Momentaufnahmen, die sich täglich ändern.
Zahlen: IRU · BALM / Bundesagentur für Arbeit (2023) · IW Köln · BGL
Arbeitsbedingungen: LeitFahr³ / Fraunhofer IML · jobmatch.me (2025)
Marktaufteilung: forsa / XING-Wechselbereitschaftsstudie (2026)