Ratgeber · Fahrermangel

Fahrermangel in Speditionen: woher er kommt und was wirklich hilft.

Bis 2027 fehlen in Deutschland rund 185.000 Berufskraftfahrer. Die Zahlen, die Ursachen und was eine Spedition heute selbst tun kann, nachvollziehbar mit Quellen.

3 Min. LesezeitAktualisiert am 1. Oktober 2026
Sven Schön
Sven SchönGründer und Geschäftsführer, hearthunting
Erfahrener Berufskraftfahrer an seinem Lkw auf dem Speditionshof, weitere Fahrzeuge im Hintergrund

Der Fahrermangel ist längst kein reines Personalthema mehr, sondern ein Geschäftsrisiko. Hier sehen Sie die Zahlen dahinter, die eigentlichen Ursachen und was eine Spedition heute selbst tun kann. Mit Quellen, nachvollziehbar gerechnet.

Fahrermangel in Zahlen

Die Lage lässt sich nicht wegdiskutieren. Vier Zahlen zeigen, worum es geht.

Kennzahl Wert
Fehlende Fahrer bis 2027 (Deutschland) rund 185.000 (heute über 70.000)
Fahrerbestand im Güterverkehr (2023) rund 548.000, schrumpft etwa 2 Prozent pro Jahr
Fahrer unter 25 Jahren nur rund 3 Prozent, der Beruf ist stark überaltert
Unbesetzte Stellen in Europa 2024 rund 426.000, bis 2028 bis zu 745.000

Woher der Mangel kommt

Drei Ursachen wirken zusammen.

1. Die Demografie

Der größte Treiber. Ein großer Teil der Fahrer ist 55 Jahre oder älter und geht in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Gleichzeitig entscheiden sich zu wenige junge Menschen für den Beruf, nur rund 3 Prozent der Fahrer sind unter 25. So schrumpft der Bestand strukturell, ganz ohne Konjunktur.

2. Arbeitsbedingungen und Wertschätzung

Belastende Situationen an der Rampe, zu wenige gute Rastplätze, lange Abwesenheit von zu Hause und das Gefühl, nur eine Nummer zu sein. Studien zeigen: Ein erheblicher Teil der Fahrer fühlt sich vom Betrieb kaum eingebunden, und genau das, nicht das Gehalt, ist der häufigste stille Kündigungsgrund.

3. Der Blick nur auf aktiv Suchende und aufs Ausland

Viele Speditionen suchen ausschließlich über Stellenbörsen und kämpfen dort mit allen anderen um dieselbe kleine Gruppe. Wird es eng, setzen sie allein auf Fahrer aus dem Ausland. Der Ausländeranteil im Güterverkehr hat sich seit 2016 fast verdoppelt, von 15,6 auf 30,4 Prozent. Das füllt Lücken, doch auch Osteuropa hat eigenen Fahrermangel, allein in Polen fehlen rund 150.000 Fahrer. Geliehene Kapazität aus einer versiegenden Quelle macht keinen Fuhrpark stabil.

Vom Personalthema zum Geschäftsrisiko

Für 65 Prozent der Speditionen ist der Fahrermangel die größte Herausforderung, am härtesten trifft es kleine Betriebe. Jeder zweite Betrieb kann deshalb nicht mehr wachsen, 39 Prozent verlieren Umsatz. Eine Fahrerstelle bleibt im Bundesschnitt rund 225 Tage offen, nach 90 Tagen ist noch jede dritte unbesetzt. In dieser Zeit stehen Fahrzeuge, bleiben Touren liegen und Überstunden lasten auf dem bestehenden Team. Branchenverbände sehen den Fahrermangel inzwischen als Risiko bis hin zur Betriebsaufgabe.

Fahrer gibt es genug. Man muss sie nur anders finden

Nur etwa 4 Prozent der Fahrer suchen aktiv, um die kämpft der ganze Wettbewerb. Rund ein Viertel ist aber grundsätzlich offen für ein besseres Angebot, ohne sich je zu bewerben. Diese Fahrer tauchen in keinem Stellenportal auf. Sie erreichen sie nur, wenn Sie selbst auf sie zugehen. Genau da liegt der Hebel, den die wenigsten nutzen.

Vier Bereiche entscheiden, ob aus dem Markt auch Einstellungen werden:

  1. Sichtbarkeit. Nicht im Stellenportal warten, sondern dort auftauchen, wo der passive Fahrer täglich ist, in seinen sozialen Netzwerken.
  2. Vertrauen. Echte Gesichter, echte Fahrer, ehrliche Einblicke und gute Bewertungen. Fahrer glauben anderen Fahrern mehr als jedem Prospekt.
  3. Prozess. Schnell zurückrufen, einfach halten, dranbleiben. An jeder Hürde springen sonst Bewerber ab.
  4. Bindung. Wertschätzung, verlässliche Heimkehr, ein Chef, der zuhört. Wer hält, muss weniger nachbesetzen.

Das Beste daran: Diese Hebel hat auch eine kleine Spedition. Sie müssen nicht der Höchstzahler sein, weiche Faktoren schlagen 50 Euro mehr fast immer.

Woher unsere Zahlen kommen

Transparenz ist uns wichtig. Dieselbe Grundlage steckt auch in unserer regionalen Fahrermarkt-Analyse. Als Schätzung gekennzeichnete Werte sind bewusst konservativ gerechnet.

  • Marktgröße und Bestand: Fahrerbestand aus Einwohnerdaten (Wikidata) und amtlicher Berufskraftfahrer-Quote (Bundesagentur für Arbeit, 2020), abgeglichen mit dem Bestand von BALM / Bundesagentur für Arbeit (547.919 Fahrer im Güterverkehr, 2023). Bewusst konservative Schätzung.
  • Aktiv, offen, gebunden (rund 4 / 24 / 72 Prozent): aus der forsa / XING-Wechselbereitschaftsstudie (2026): etwa 8 Prozent planen aktiv einen Wechsel, rund 26 Prozent sind latent offen, ohne aktiv zu suchen.
  • Live-Marktzahlen je Region: offene Stellen, aktiv Suchende, Vakanzzeiten und neue Stellen aus der Bundesagentur für Arbeit (Jobsuche und Bewerberbörse). Momentaufnahmen, die sich täglich ändern.
Quellen

Zahlen: IRU · BALM / Bundesagentur für Arbeit (2023) · IW Köln · BGL

Arbeitsbedingungen: LeitFahr³ / Fraunhofer IML · jobmatch.me (2025)

Marktaufteilung: forsa / XING-Wechselbereitschaftsstudie (2026)

Fahrermangel in Speditionen: kurz beantwortet.

01Wie viele LKW-Fahrer fehlen in Deutschland?
Je nach Quelle fehlen heute über 70.000 Berufskraftfahrer, bis 2027 rechnet die IRU mit rund 185.000 fehlenden Fahrern. Europaweit waren 2024 etwa 426.000 Stellen unbesetzt, bis 2028 könnten es bis zu 745.000 werden. Die Zahlen schwanken je nach Erhebung, die Richtung ist überall dieselbe.
02Warum will keiner mehr LKW fahren?
Das Bild stimmt so nicht ganz: Es gibt noch viele Fahrer, aber zu wenige rücken nach. Der Beruf gilt vielen jungen Menschen als unattraktiv, Arbeitsbedingungen an Rampe und Rastplatz, lange Abwesenheit von zu Hause und fehlende Wertschätzung wiegen schwerer als das Gehalt. Wer Fahrer gut behandelt, findet und hält sie auch heute.
03Was sind die Hauptursachen des Fahrermangels?
Vor allem die Demografie: Viele Fahrer gehen in den Ruhestand, kaum junge rücken nach (nur rund 3 Prozent sind unter 25). Dazu kommen Arbeitsbedingungen, geringe Wertschätzung und dass viele Betriebe ausschließlich auf aktiv Suchende und auf Fahrer aus dem Ausland setzen, statt den eigenen regionalen Markt aufzubauen.
04Was ändert sich 2026 für Berufskraftfahrer?
Der Bundesrat hat im Juli 2026 Erleichterungen beim Berufszugang beschlossen, unter anderem mehrsprachige Theorieprüfungen und eine verkürzte praktische Prüfung. Das soll den Einstieg erleichtern, löst den Mangel aber nicht allein.
05Was können Speditionen selbst gegen den Fahrermangel tun?
Den größten Hebel haben Sie bei den Fahrern, die nicht aktiv suchen, aber grundsätzlich offen sind. Die erreichen Sie nur, wenn Sie selbst auf sie zugehen: sichtbar sein, wo die Fahrer sind, als Arbeitgeber Vertrauen aufbauen, Bewerber sauber durch den Prozess führen und einmal gewonnene Fahrer halten.
06Lohnt sich die Suche nach Fahrern aus dem Ausland?
Als Ergänzung ja, vor allem im Fernverkehr. Als alleinige Lösung ist sie riskant: Anerkennung, Sprache und Integration kosten Zeit und Geld, und auch in Osteuropa herrscht Fahrermangel (Polen fehlen rund 150.000 Fahrer). Stabil wird ein Fuhrpark durch die Mischung aus Auslandsfahrern und einem eigenen, lokalen Stamm.
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